Einleitung

Das menschliche Gehirn fasst die einzeln wahrgenommenen visuellen Reize zu Objekten zusammen, die anschließend bereits bekannten Kategorien zugeordnet werden um ihnen eine Bedeutung zu verleihen. Dadurch ist es möglich, dass wir einzelne Informationen als ein großes Ganzes identifizieren können.

Die Gestaltungsheuristiken (auch Gestaltungsgesetze oder Gestaltungsprinzipien genannt) setzen an diesem Punkt der Kategorisierung an, da sie eine Reihe von Regeln beschreiben, wie wir die Einzelobjekte zu einem Ganzen organisieren [Goldstein 2008: 107].

Die Zusammenfassung verschiedener Objekte erzeugt dabei eine so genannte Gestalt [Dahm 2006: 59]. Die Beschreibung dieser Effekte geht auf Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler zurück. 1923 veröffentlichte Max Wertheimer seine Paper „Theorie der Form“ in der erstmals die so genannten Gestaltungsgesetze formuliert wurden. Obwohl es sich bei den Gestaltungsgesetzen um qualitative Beobachtungen handelt, wird im Weiteren dennoch von Gesetzen gesprochen werden. 

Die visuellen Reize werden demnach anhand folgender Kriterien zu Objekten zusammengefügt:

Autor: Sebastian Goldstein

 

Gesetz der Nähe

Das Gesetz der Nähe besagt, dass wir Dinge, die nahe beieinander stehen, zunächst als inhaltlich zusammengehörig interpretieren [Sarodnick & Brau 2006: 48]. Obwohl sich die Objekte in der unten dargestellten Abbildung in ihrer Form unterscheiden, so werden sie dennoch als Zusammengehörig angesehen. Die Objekte auf der linken Seite werden dabei als Rechteck wahrgenommen, während die Objekte auf der rechten Seite eine Linie darstellt.

Für das Webdesign bedeutet dies, dass inhaltlich zusammengehörige Objekte auf optisch nah beieinander stehen sollten. Nach Miriam Yom bedeutet dies für die Gestaltung von Links auf Webseiten, dass „die Informationseinheiten in Abhängigkeit von ihrer Bedeutung und ihrer Beziehung zu anderen Einheiten auf der Seite räumlich platziert werden sollten“ [2003: 47].

Aus dem Gesetz der Nähe folgt auch, dass Überschriften nah an dem dazugehörigen Content stehen sollten. Das Gesetz der Nähe wird z.B. besondern oft bei Eingabeformularen verletzt. 

Quelle: Eigene Darstellung

Autor: Sebastian Goldstein

 

Gesetz der Ähnlichkeit

Das Gesetz der Nähe besagt, dass die menschliche Kognition Dinge, die ähnlich aussehen (z.B. Gestalt, Farbe, Größe etc.), als zusammengehörig empfindet. Das Gesetz der Ähnlichkeit wird in der unten dargestellten Abbildung demonstriert. Bei intensiver Betrachtung der Abbildung ist es fast unmöglich, kein angedeutetes Quadrat in der Mitte der Abbildung zu sehen. Mario Fischer [2006: 247] erklärt dieses Phänomen folgendermaßen: Unser Wahrnehmungsapparat lässt die vier Buchstaben A und den anders aussehenden Buchstaben O als zusammengehörig sehen und stellt sogleich eine nicht vorhandene Linienverbindung dar. Folglich wird Ähnliches als zusammengehörig wahrgenommen und gruppiert.

Für das Webdesign bedeutet dies, dann unterschiedliche Objekte, Elemente und Funktionen möglichst unterschiedlich dargestellt werden sollten. Dies gilt sowohl für die Form als auch für die Farbwahl. Folglich sollte Zusammengehöriges nicht nur dem Gesetz der Nähe folgend zusammengerückt sondern auch ähnlich dargestellt werden. 

Quelle: Eigene Darstellung

Autor: Sebastian Goldstein

 

Gesetz der Geschlossenheit

Das Gesetz der Geschlossenheit besagt, dass wir geschlossene Formen intuitiv als wohltuender empfinden als offenes [Sarodnick & Brau 2006: 48]. Aus diesem Grund geht unser Gehirn bei unbekannten Objekten zunächst von einer geschlossenen Form aus bzw. interpretiert eine geschlossen Form in das Objekt [Fischer 2006: 248]. D.h. das Gehirn versucht permanent nach geschlossenen Formen und Strukturen zu suchen.

Für die Gestaltung von Webseiten bedeutet dies, dass die Anordnung und Gestaltung von Bildern, Grafiken, Symbolen, Trennlinien, aber auch Textblöcken und Formularfeldern immer einer übergeordneten, globalen Wahrnehmungsperspektive unterliegt. Da das menschliche Gehirn permanent auf der Suche nach geschossenen Formen ist, können nicht zusammengehörige Elemente fälschlicherweise als zusammengehörend interpretiert werden und vice versa. Das Gesetz der Geschlossenheit sollte insbesondere bei der Gestaltung von Formularen (bspw. bei der Registrierung) beachtet werden, da es sonst zu Missverständnissen und unbewussten Falschangaben kommen kann.

Quelle: Eigene Darstellung

Autor: Sebastian Goldstein

 

Gesetz der Symmetrie

Das Gesetz der Symmetrie besagt, dass Objekte, die auf das Auge des Betrachters symmetrisch wirken, als zusammengehörig eingestuft werden. Umgekehrt werden Objekte, die keinem symmetrischen Muster folgen, als weniger wichtig eingestuft.

Nach Miriam Yom [2003: 47] schaffen symmetrische Anordnungen starke Strukturen. Durch die wahrgenommene Strukturierung reduziert sich zudem die wahrgenommene Informationskomplexität einer Webseite.

Für das Webdesign bedeutet dies, dass bei der Gestaltung der Webseitenstruktur das Symmetriegesetz beachtet werden sollten. Insbesondere die Anordnung von Textblöcken bei einem mehrspaltigen Layout kann gestalterisch nutzbar gemacht werden, um die Übersichtlichkeit der Seite zu erhöhen.

Quelle: Eigene Darstellung

Autor: Sebastian Goldstein

 

Gesetz der guten Gestalt

Das Gesetz der guten Gestalt (auch als „Konzept der Prägnanz“ oder „Gesetz der Einfachheit“ bezeichnet) fasst den übergeordneten Gedanken aller Gestaltungsgesetze zusammen. Nach Goldstein [2008: 108] wird jedes Reizmuster so gesehen, dass die resultierende Struktur so einfach wie möglich ist. Objekte werden als überdeckend wahrgenommen, wenn sich daraus eine geschlossene Form ergibt [Sarodnick & Brau 2006: 48]. Deshalb wird in komplexen Figuren stets nach Objekten mit einer bereits bekannten Gestalt gesucht. Die Kriterien der Suche sind z.B. kontinuierliche Linien, Symmetrie, Gleichmäßigkeit, Geschlossenheit, Regelmäßigkeit, Ähnlichkeit und Glättung [Essig 2008: 70].

Nach Mario Fischer [2003: 249] besagt dieses Gesetz, dass Menschen bevorzugt Objekte wahrnehmen, die sich durch ein bestimmtes Merkmal von anderen dargestellten Objekten abheben. Folglich werden einfache und geschlossene Formen leichter erkannt als komplexe Objekte.

Nach Dahm [2006: 61] wurde das Erkennen von einfachen Objekten in einer zusammengesetzten Ordnung von unseren Vorfahren benötigt, um in einer dunkeln Umgebung Bedrohungen von einem Hintergrund unterscheiden zu können.

Für die Gestaltung von Webseiten bedeutet dies, dass die Struktur einer Webseite möglichst einfach und intuitiv verständlich sein sollte. Die Webnutzer bevorzugen eine einfache, intuitiv verständliche Benutzeroberfläche. Webseiten sollten daher, wo immer es möglich ist, in ihrer Form und Darstellung auf das Wesentliche reduziert sein.

Die unten dargestellt Abbildung zeigt ein Beispiel für das Gesetz der Einfachheit. Obwohl es sich bei diesem Objekt um Phantasiegebilde handelt, dass uns Gehirn keiner eindeutigen Bedeutung zuordnen kann, sehen wir einen Balken und einen Kreis. Unser Gehirn versucht, das Gebilde möglichst nach bekannten Mustern zu identifizieren. Daher ist es für unser Gehirn nahe liegend, dass es sich um eine sich überdeckende Struktur aus einem Kreis und einem Balken handeln muss. Wir sehen diese Darstellung also als einen Balken und einem Kreis und nicht als eine komplizierte Form.

Quelle: Eigene Darstellung

Autor: Sebastian Goldstein

 

Gesetz der Erfahrung

Das Gesetz der Erfahrung besagt, dass wir bei der visuellen Wahrnehmung stets auf bereits erlernte Erfahrungen zurückgreifen. Mit diesem Rückgriff ist es möglich, unvollständige Informationen auszugleichen und diese mit bereits Bekannten zu vervollständigen. Bei gestalterischen Prozessen kommt das Gesetz der Erfahrung immer dann zum Tragen, wenn nicht alles vollständig gezeigt wird [Fischer 2003: 252].

Obwohl in der unten dargestellten Abbildung das Wort „Usability“ nicht vollständig sichtbar ist, können wir es dennoch lesen. Für die Gestaltung von Webseiten bedeutet dies, dass stets die Erfahrungen der Zielgruppe (Benutzer) antizipiert werden sollte. Dies gilt insbesondere für informelle Konventionen, die die Nutzer auf anderen Webseiten erlernt haben. Webseiten sollten somit erwartungskonform gestaltet sein. Wenn ein Nutzer den Warenkorb am oberen rechten Bildschirmrand erwartet, dann sollte dieser dort auch möglichst zu finden sein.

Quelle: Eigene Darstellung

Autor: Sebastian Goldstein

 

Gesetz der Fortsetzung

Das Gesetz der guten Fortsetzung besagt, dass unsere Wahrnehmung zu einer gewissen Konstanz tendiert. Sind eine Reihe von Objekten so angeordnet ist, dass eine Fortsetzung für unser Auge wahrscheinlich ist, so bildet unser Bewusstsein eine imaginäre Line und interpretieren diese als zusammengehörig.

Das Gesetz der Fortsetzung wird auch als „Prinzip des guten Verlaufs“ oder als „Prinzip der gestaltgerechten Linienfortsetzung“ bezeichnet.

Nach Goldstein [2008: 109] besagt dieses Prinzip, dass „Punkte, die als gerade oder sanft geschwungene Linien gesehen werden, wenn man sie verbindet, werden als zusammengehörig wahrgenommen. Linien werden tendenziell so gesehen, als folgten sie dem einfachsten Weg“.

Nach Dahm [2006: 61] wird dieses Gesetz auch immer dort verwendet, wo ein Objekt im Hintergrund von einem Objekt im Vordergrund unterbrochen wird.

In der unten dargestellten Abbildung sind eigentlich nur Kreise zu sehen. Dennoch verbindet unsere Wahrnehmung diese Kreise zu einer Kurve. Wir antizipieren, dass diese Kreise zusammengehören.

Webseiten-Nutzer suchen auf Webseiten unterbewusst immer nach imaginären Linien, die helfen, den Inhalt besser voneinander zu trennen und damit einfache zu erfassen [Fischer 2003: 250]. Damit gesuchte Informationen schnell gefunden werden, sollte eine Webseite so gestaltet sein, dass die Seitenstruktur harmonisch für das menschliche Auge ist [Fischer 2003: 251].

Quelle: Eigene Darstellung

Autor: Sebastian Goldstein